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Das Tauziehen in der Krise um mehr Lehrstellen
Das Tauziehen in der Krise um mehr Lehrstellen
mehr als 1,3 Millionen junge Menschen ohne Ausbildung ins Berufsleben geschickt. Mitte der 90er Jahre brach mitten im Strukturwandel der Wirtschaft das Lehrstellenangebot ebenfalls ein. Und wieder musste der Staat dreistellige Millionen- Summen für nachträgliche Qualifizierung aufwenden. Für dieses Jahr wird nun ein Rückgang um 50 000 Neuverträge befürchtet. Im vergangenen Herbst waren noch 615 000 Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen worden.
Trotz des bisher schärfsten Konjunktureinbruchs der Nachkriegszeit erwarten Experten im Herbst kein totales Fiasko auf dem Lehrstellenmarkt. Entspannend wirkt, dass gleichzeitig die Zahl der Schulabgänger rückläufig ist. Etwa 70 000 junge Menschen weniger werden in diesem Jahr erwartet. Gleichwohl ist die Lage extrem angespannt. Denn nicht nur die Schulabgänger dieses Jahres werden auf Lehrstellensuche sein. Über 200 000 Altbewerber werden wie eine Bugwelle auf dem Lehrstellenmarkt von Jahr zu Jahr übertragen. Zwar konnten in jüngster Zeit mehr Nachvermittlungserfolge erzielt werden. Doch gelöst ist das Problem noch lange nicht.
Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) weist darauf hin, dass die Jugendlichen bei Eintritt in eine Lehre heute im Schnitt 19,3 Jahre alt sind. Vor 15 Jahren waren die Azubis im ersten Lehrjahr in der Regel nicht älter als 16. Hier spiegelt sich die immer länger gewordene Parkzeit zwischen Schulabgang und erfolgreicher Lehrstellenvermittlung wider. Der jüngste Bildungsbericht der Kultusminister zeigt auf, dass 40 Prozent aller Hauptschüler auch 30 Monate nach erfolgreichem Schulabschluss immer noch keinen qualifizierten Ausbildungsplatz gefunden haben - und dies trotz einer «Odyssee» von verschiedenen Nachqualifizierungen und Zusatzkursen.
Scholz will den Rückgang der Schulabgängerzahl als Chance nutzen, endlich den Berg von Altbewerbern weiter abzubauen. Mindestens 600 000 neue Lehrstellen hält es deshalb in diesem Jahr «für absolut notwendig». Doch die Wirtschaftsverbände und auch Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wollten sich darauf am Freitag bei einem Spitzentreffen der Ausbildungspakt-Partner nicht festnageln lassen. Dabei galt die Zielmarke von rund 600 000 Neuverträgen bis vor kurzem innerhalb der Bundesregierung eigentlich als Konsens und war auch von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) als erstrebenswert bezeichnet worden.
«Wir sind uns zwar einig im Ziel, streiten aber um die Operationalisierung», versuchte Handelskammer-Präsident Hans Heinrich Driftmann den Dissens zu relativieren. Denn zum ersten Mal gab es nach einer Sitzung des 2004 von Wirtschaft und Bundesregierung geschmiedeten Ausbildungspaktes keine gemeinsame Erklärung. Scholz ließ das Logo seines Hauses aus der vorbereiteten Stellungnahme wieder entfernen. Gleichwohl wollen alle Beteiligten weiter zusammenarbeiten und sich um mehr Lehrstellen bemühen.
Von den heute 20 bis 29 Jahre alten jungen Menschen haben 1,5 Millionen keinen Berufsabschluss. Das sind 15 Prozent des Altersjahrganges. Unter den Ungelernten befinden sich nicht nur schlechte Schüler. 38 Prozent haben in ihrem Abschlusszeugnis einen besseren Notendurchschnitt als 3,0. Für die vielen Warteschleifen und Übergangsmaßnahmen müssen Bund, Länder, Bundesagentur für Arbeit und Kommunen Jahr für Jahr rund vier Milliarden Euro zahlen.




